Robert Lindner

Arbeiten

Eröffnung der Masterausstellung PALINDROM
am 17. Januar 2020

Innere Notwendigkeit

Das Wesen einer künstlerischen Arbeit zu begreifen, besteht darin, deren Notwendigkeit zu erkennen. „Ein Kunstwerk ist dann gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand. In dieser Art seines Ursprungs liegt sein Urteil: es gibt kein anderes." (Rilke: „Briefe an einen jungen Dichter", 1929)

Wer sich mit Robert Lindners Arbeiten beschäftigt, spürt darin eine Notwendigkeit, ohne sie direkt begreifen zu können. Wer sich jedoch mit genau dieser Frage nach der Notwendigkeit in seiner künstlerischen Arbeit auseinandersetzt, wird nicht nur erahnen, sondern verstehen lernen. Doch woraus generiert der Künstler eigentlich sein Wissen um die Notwendigkeit?

Das Wissen in der künstlerischen Forschung ist ein gefühltes Wissen. Das Erlebnis, das ein Kunstwerk erzeugt, muss also vom Künstler selbst erlebt worden sein, um eine Notwendigkeit zu erlangen. Aus eben dieser inneren Bewegung heraus wird deutlich, worin die Notwendigkeit in Robert Lindners Arbeiten besteht: Sie besteht darin, dass er Relikte von Wirklichkeit schafft, die wie eine Selbstvergewisserung der eigenen Existenz funktionieren. Das eigene Trauma wird „verräumlicht", materialisiert, nachgebaut – und das Material hierfür ist nicht etwa dasselbe, wie es einst erlebt worden war, sondern eines, das nur so scheint, als wäre es dieses wohlbekannte.

Durch die Aufladung des Materials wird Bedeutung generiert und eine Atmosphäre geschaffen, die als Schein von Wirklichkeit eben jene im Gefühl wieder neu zu kreieren vermag. Welche reale Rolle der Künstler dabei in Wirklichkeit gespielt hat, bleibt am Ende aber offen. Als Beobachter bleiben wir Beobachter desjenigen, der einst selbst beobachtet hat und der nun uns beim Beobachten seines Beobachteten beobachtet – durch sein Kunstwerk hindurch, durch die Notwendigkeit hindurch.

Robert Lindner forscht. Er erforscht den Moment zwischen dem Vorgang des Wahrnehmens selbst und des Wahrnehmens der eigenen Wahrnehmung in diesem Moment. Es ist also notwendig, sich selbst beim Wahrnehmen wahrnehmen und begreifen zu können - eben darin besteht die Notwendigkeit in Robert Lindners Arbeit. Seine eigene Reflexion des Erlebten wird zur neuen Erfahrungsebene für den Betrachter.
In der heutigen Zeit etwas zu schaffen, das als Notwendigkeit Gültigkeit haben kann, ist keine leichte Aufgabe. Vielmehr besteht die Herausforderung darin, eine äußere Form für das innere Durchdringen des Wesentlichen zu finden. Robert Lindner handelt aus dem Gefühl innerer Notwendigkeit. Seine Arbeiten laden dazu ein, die eigene Wahrnehmung im Hinblick auf das ganz persönliche Erkennen der eigenen inneren Notwendigkeit hin zu untersuchen.

Valeska Marina Stach

Palindrom

Robert Lindner untersucht in seiner Arbeit Palindrom das kollektive Verhalten individuell-persönlicher Erinnerung - mittels sich verräumlichenden Platzhaltern und mithilfe eines inneren, fein-justierten Ordnungssystems, das sich stets zwischen Chaos und Struktur bewegt. Die zwei Gegenstücke eines zerbrochenen Weinglases, Stiel und Kelch, werden in vielfacher Form als materialisiertes Erlebnis-Fragment im Raum angeordnet und damit in einen neuen Kontext gesetzt: Die Grenze, an der das bereits für vergangen erklärte Ereignis wieder aufzubrechen droht, wird unmittelbar und in Echt-Zeit hinterfragt.

Jamais vu – Déjà vu

In seinem künstlerischen Schaffen setzt sich Robert Lindner mit der Frage auseinander, in welchem Verhältnis ein Werk der bildenden Kunst zu einem Gegenstand (im weitesten Sinne des Wortes) steht, ja ob es überhaupt in einem Verhältnis zu einem Gegenstand stehen muss. Dazu findet man Antworten in der Bildtheorie, die man sinngemäß auf Skulpturen und Installationen übertragen kann.

Pictomoji

In der Kommunikation mit anderen über Worte und gesprochene Sätze glauben wir das, was wir mit den Zeichen inhaltlich sagen wollen, vom Empfänger in gleicher Weise, wie wir es denken, entschlüsselt wird. Dies wird meist nicht vom Empfangenden einer Information überprüft. Das „Was“ einer Kommunikation wird also im Verlaufe dieser Kommunikation stets verändert und bedarf genauer sozialer Verabredung, um „richtig“ (imSinnedesSenders) entschlüsselt zu werden. Alle Zeichen, die in der Kommunikation verwendet werden, reduzieren notwendigerweise Komplexität. Das ist einerseits ein genialer, kreativer Vorgang und zugleich ein Risiko, dass relevante gemeinte Informationen verloren gehen.

Räume zweiter Ordnung

Erinnerung ist subjektiv – und gefüllt mit emotionalem, sinnesspezifischem Wiedererleben. Robert Lindner deutet an: Er stellt den Teil eines Raums in den Raum, eine Kulisse. Die Betrachter/innen sehen Fragmente – Fragmente einer Kinderzimmer-Tapete, eines babyblauen kuscheligen Teppichs, eines hübsch gemachten Kinderzimmers. Sie sehen ein Loch in der angedeuteten Zimmerwand – ein Gloryhole? – etwas, das nun wirklich nicht ins Kinderzimmer gehört!

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