Robert Lindner

Jamais Vu – déjà vu

2017 - 2018 Installation „Jamais vu - Déjà vu“

Beobachtung zweiter Ordnung aus Philosophischer Sicht

In seinem künstlerischen Schaffen setzt sich Robert Lindner mit der Frage auseinander, in welchem Verhältnis ein Werk der bildenden Kunst zu einem Gegenstand (im weitesten Sinne des Wortes) steht, ja ob es überhaupt in einem Verhältnis zu einem Gegenstand stehen muss. Dazu findet man Antworten in der Bildtheorie, die man sinngemäß auf Skulpturen und Installationen übertragen kann.

Mit der Einführung einer allgemeinen Zeichentheorie, der Semiotik, durch Peirce und Morris wurde ein zeichentheoretischer Ansatz für Bilder begründet. Bilder galten dabei als Zeichen, die einen Gegenstand aufgrund von Ähnlichkeit mit diesem Gegenstand bezeichnen. Mit dieser Sichtweise stimmten sie einer traditionellen Auffassung, Bilder müssten einem Gegenstand ähnlich sein, im Prinzip zu, stellten sie jedoch in einen größeren thematischen Zusammenhang.

Anders verhält es sich mit einer späteren semiotischen Bildtheorie, die von Nelson Goodman begründet wurde. Goodman lehnt die Ähnlichkeitsauffassung ab. Für ihn ist die Zeicheneigenschaft von Bildern, wie die von sprachlichen Zeichen, durch kulturelle Gewohnheiten bestimmt und somit arbiträr. Sie ist also, in einem weiten Sinn des Wortes Konvention, konventional (oder konventionalistisch). Mit der goodmanschen Bildtheorie stand also dem traditionellen ähnlichkeitstheoretischen Ansatz ein konkurrierender konventionaler Ansatz gegenüber.

Diese beiden theoretischen Ansätze sind durchaus miteinander vereinbar. Sie ermöglichen es, Kunstwerke unter verschiedenen und einander ergänzenden Perspektiven zu rezipieren.

2017 - 2018 Installation
„Jamais vu - Déjà vu“ Detail

2017 - 2018 Installation
„Jamais vu - Déjà vu“, Stoffstapel

Aus beiden theoretischen Ansätzen folgt, dass Werke der (bildenden) Kunst streng genommen niemals gegenstandslos sind. Als Zeichen verweisen sie stets auf irgendeinen Gegenstand. Scheinbar gegenstandslose Werke verweisen zumindest auf bestimmte Aspekte bildhafter Darstellungen, z.B. auf Kompositionen von Farben und Formen, die man auch in „gegenständlichen" Werken antrifft. Bei der Gestaltung ihrer Werke versuchen Künstler/innen, sich von den jeweiligen Gegenständen zu
emanzipieren. Der Wert eines Werkes soll nicht (wesentlich) auf immanenten Eigenschaften eines externen Gegenstands beruhen, sondern darauf, wie sich die Künstlerin oder der Künstler mit diesem Gegenstand auseinandersetzt.

In Robert Lindners Werk findet man dazu verschiedene originelle Ansätze. Er wählt sich als Gegenstand ein Material aus und beschäftigt sich mit verschiedenen Möglichkeiten, das Material in eine Form zu bringen. Diese Formgebung kann physisch verstanden werden, als Art und Weise, wie man mit seinen Händen einen Gegenstand formt oder zusammensetzt (vgl. Stoff und Form bei Aristoteles). Sie kann aber auch psychisch verstanden werden. Ohne unser psychisches Vermögen, Sinneseindrücken eine Form zu geben, wären wir gar nicht in der Lage, Gegenstände wahrzunehmen (vgl. Materie und Form bei Kant). Robert Lindner setzt sich mit der Möglichkeit auseinander, physische und psychische Prozesse der Formgebung, die er erlebt, für Betrachter/innen nachvollziehbar zu machen.
Die Besucher/innen der Werkreihe „Jamais vu – Déjà vu“ werden durch Stoffstapel, die im Raum ausgelegt sind, angeregt, die Komposition von Stoffproben imaginär nachzuerleben und darüber nachzudenken, inwieweit ihnen die Exponate einen neuen Sinn und neue Inhalte der Stoffe erschließen oder an tradierte Sehgewohnheiten anknüpfen.

In dieser Werkreihe geht es Robert Lindner auch um einen weiteren Aspekt der Emanzipation, nämlich der von Konventionen. Künstler/innen sehen sich dabei mit folgendem Dilemma konfrontiert: Ohne Konventionen, und mögen sie nur auf Sehgewohnheiten beruhen, sind Betrachter/innen nicht in der Lage, Artefakte als Kunstwerke wahrzunehmen.

2017 - 2018 Installation
„Jamais vu - Déjà vu“

Anderseits muss ein Artefakt originell sein, also unkonventionell, um als Kunstwerk anerkannt zu werden. Um diesem Dilemma zu entgehen, müssen Künstler/innen Kompromisse eingehen.
Robert Lindner spricht in diesem Zusammenhang nicht von Kompromissen, sondern von Tautologien. Die Aussage: „Ich habe das, was ich hier sehe, noch nie gesehen, oder ich habe es schon einmal gesehen" ist immer wahr. Für Gottlob Frege, der als Begründer der modernen formalen Logik gilt, hat sie die gleiche Bedeutung, nämlich den gleichen Wahrheitswert, wie „Morgen regnet es, oder es regnet morgen nicht". Frege unterscheidet jedoch zwischen Bedeutung und Sinn. Der Sinn einer Tautologie kann darin bestehen, die Bedeutung zweier tatsächlicher oder scheinbarer Gegensätze hervorzuheben oder zur Diskussion zu stellen. Allen Betrachter/innen von „Jamais vu – Déjà vu" ist der Anblick von Textilproben vertraut. So, wie Robert Lindner sie zu einem Kunstwerk anordnet, haben sie aber solche Gegenstände noch nie gesehen. Ich bin sicher, dass ihnen der Anblick dieser Werke Vergnügen bereiten und sie zum Nachdenken und Diskutieren anregen wird.

Axel Raue

2017-2018 Installation
„Jamais vu - Déjà vu“ Detail

2017 - 2018
Grafik 1 zur Installation „Jamais vu - Déjà vu“
Druck hinter Acrylglas, A3

2017 - 2018
Grafik zur Installation „Jamais vu - Déjà vu Linear 6“
Druck hinter Acrylglas, A3

2017 - 2018
Grafik 2 zur Installation „Jamais vu - Déjà vu“
Druck hinter Acrylglas, A3

2017 - 2018
Grafik 4 zur Installation „Jamais vu - Déjà vu“
Druck hinter Acrylglas, A3

2017 - 2018
Grafik 3 zur Installation „Jamais vu - Déjàvu“
Druck hinter Acrylglas, A3

2017 - 2018
Grafik zur Installation „Jamais vu - Déjà vu Linear 5“
Druck hinter Acrylglas, A3

powered by webEdition CMS