Robert Lindner

Palindrom

2019 - 2020
Installation „Palindrom“ 3D Drucker

Robert Lindner untersucht in seiner Arbeit Palindrom das kollektive Verhalten individuell-persönlicher Erinnerung – mittels sich verräumlichenden Platzhaltern und mithilfe eines inneren, fein-justierten Ordnungssystems, das sich stets zwischen Chaos und Struktur bewegt. Die zwei Gegenstücke eines zerbrochenen Weinglases, Stiel und Kelch, werden in vielfacher Form als materialisiertes Erlebnis-Fragment im Raum angeordnet und damit in einen neuen Kontext gesetzt: Die Grenze, an der das bereits für vergangen erklärte Ereignis wieder aufzubrechen droht, wird unmittelbar und in Echt-Zeit hinterfragt.

Die Realität bleibt dabei auf eben jener Ebene der in-sich-gefangenen Wiederholung stehen und schafft damit eine Desillusionierung von Raum und Zeit in einem. Allein die Art und Weise der Wahrnehmung des Künstlers selbst und wiederum unsere Wahrnehmung derselben bestimmen die Verschiebung von Wirklichkeit – codiert durch einen technischen Ablauf der im Hintergrund fortlaufend produzierenden 3D-Drucker. Der Moment, in dem ein Gegenstand im Prozess sich verkörpernder Erinnerung zur Aneignung von Identität wird, ist Ausgangspunkt dieser vielschichtigen installativen künstlerischen Arbeit.

Valeska Marina Stach

2019 - 2020
Installation „Palindrom“ 3D Grafiken

Ursprung in der Zukunft

Palindrome als codierte Phänomene von zeit- und räumlich-bedingter Identität: Robert Lindner fragt nach dem unreparablen Moment, der so oft zu wiederholen ist, bis der Ursprung in die Zukunft wächst.

Dicke Fäden aus Maisstärke wickeln sich von einer Spule und verschmelzen in thermoplastischen Bahnen miteinander; Hitze scheint fast hörbar aus den unaufhörlich arbeitenden Geräten zu strömen. Wie digitale Töpfermaschinen produzieren die 3D-Drucker Stiele und Kelche mit immer derselben Bruchstelle. Der Bruch umschreibt den Moment eines tief einschneidenden Erlebnisses aus der Kindheit. Indem sie immer und immer wieder reproduziert wird, bekommt Erinnerung auf einmal eine ganz neue Dimension. Sie entwickelt ein kollektives Bewusstsein, das sich aus der komplexen Zusammenstellung der einzelnen Elemente ergibt: eine Art Schwarm-Verhalten von Fragmenten, eine Formierung verschiedener Ordnungs-Prinzipien, die sich zwischen Chaos und Struktur an eine Grenze navigiert, an der die Realität nur noch eine Illusion zu sein scheint.

Die Re-Konstruktion und damit schließlich auch die De-Konstruktion von Erinnerung wird bei Robert Lindner in einen Raum der sinnlichen Wahrnehmung überführt und dahingehend transformiert, dass die persönliche Aufladung der Erfahrung neutralisiert wird: durch einen rein technischen Ablauf im Herstellungsprozess des Erinnerungsreliktes. Das vom Laser-Scanner erfasste Objekt wird ohne jegliche emotionale Regung abgebildet. Digital wird ein Gerippe aus berechenbaren Koordinaten erstellt und schließlich wird seine Form mittels rotierender Kreisbewegungen in einem endlosen Wiederholungslauf drei-dimensional ausgedruckt. Erst die Kontextualisierung durch den Künstler im Raum scheint das persönliche Moment zurückzuholen. Doch sowohl die Übersetzung der Objekte in ein fremdes, dem Original-Weinglas ursprünglich uneigenem Material und die Modellgröße der Objekte (im Verhältnis 1:2) schafft eine Entfremdung des Künstlers von seinem eigenen Selbst. Nur die Umverlagerung von Ordnung und Chaos, sich stets an der inneren Haltung des Werkschaffenden orientierend, ermöglicht einen individuellen Zugang zu der Arbeit - durch die eigene Wahrnehmung.

2019 - 2020
Installation „Palindrom“

2019 - 2020
Installation „Palindrom“

In mattem Grauton und in den Grundfarben Rot, Blau und Gelb angelegt, erscheinen die Stiele und Kelche wie unterschiedliche Qualitäten von Erinnerung im Raum. Sie sind beweglich und dennoch scheinen ihre Standpunkte letztlich fix an ihre eigentliche Herkunft, im übertragenden Sinne, gebunden. In ihrer Reduktion auf Farbe und Form bilden die Relikte eine Referenz für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und laden den Betrachter ein, jede noch so bekannte Situation noch einmal umzudrehen, unterschiedliche, zuerst konträr erscheinende, Leserichtungen auszuprobieren und schließlich womöglich zu erkennen: Es gibt nicht nur eine Per-spektive, vielleicht sogar nicht nur eine Wahrheit. Die zwei Teile des zerbrochenen Weinglases scheinen die programmierten Überbleibsel einer komplexen Geschichte zu sein. Die Synchronizität von Räumlichkeit und Zeitlichkeit, ihre natürliche Gleichzeitigkeit kann nur noch durch die Übereinkunft von verschiedenen Realitäten zu einer Wahrheit zurück gewonnen werden - indem Zeit als ein künstliches Konstrukt erkannt und überwunden wird.
Das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Denkrichtungen wird existenziell spürbar, sobald nach der Notwendigkeit eines uns unbekannten Zieles der künstlerischen Arbeit Robert Lindners gefragt wird. Allein der Autor selbst entscheidet über den Anfang und das Ende der Setzung - doch ist er nicht auch bestimmt vom maschinellen, ent-personifizierten Ablauf der unaufhörlichen Nachproduktion seines Erinnerungsfragments? Der Moment, in dem ein einzelner bloßer Gegenstand zur Aneignung von Identität wird, ist Ausgangspunkt eines intensiven Prozesses sich verkörpernder Erfahrung. Die Projektion von Gefühlen und die Verdinglichung eines einzelnen spezifischen Augenblicks, der noch für eine Reihe von ähnlichen Ereignissen stehen mag, wird übersetzt in eine skulpturale Bodeninstallation, die, ebenso wie der Druckvorgang der Objekte selbst, viele Schichten aufweist. Das eigene Déjà-vu des Künstlers wird dabei unmittelbar zur Antriebskraft für seine Palindrome.

Valeska Marina Stach

Clusterstand „Palindrom“ 10. August 2019, Grundriss Künstlerhaus Sootbörn
Kelche und Stiele

„PALINDROM“ in Zahlen

Die 3D-Objekte wurden mit PLA Maisstärke (biologisch abbaubar) gedruckt.
Bis zum Ausstellungstag wurden an 77 Tagen mit vier Druckern in reiner Druckzeit von 3.818 Stunden 222 Objekte gedruckt - 111 Stiele und 111 Kelche. Davon wurden jeweils 15 Stiele und 15 Kelche in den Grundfarben Rot, Gelb und Blau und weitere 66 Stiele und Kelche in Grau hergestellt. Der Druck eines Stiels benötigt 12,20 Stunden, der eines Kelchs 20,20 Stunden.
Während der Ausstellung produzieren die Drucker weitere Objekte.

Druckdaten zum Download:

Kelch als Gcode-Datei (30 MB)
Stiel als Gcode-Datei (15 MB)

Eine Software zum Öffnen und Bearbeiten der Dateien finden sie Hier: ultimaker.com

 

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